
CMS oder Framework: Der Kampf zwischen Bequemlichkeit und Freiheit

Die Frage CMS oder Framework spaltet Entwickler-Teams schneller als die Diskussion über Tabs vs. Spaces.
Auf der einen Seite steht der Pragmatiker: „Warum das Rad neu erfinden? WordPress hat doch schon alles.“ Auf der anderen Seite steht der Purist: „Ich will keinen Ballast. Ich will sauberen Code. Ich baue das selbst.“
Beide haben recht. Und beide liegen oft falsch. Ich habe Projekte gesehen, die mit einem CMS gegen die Wand gefahren wurden, weil die Anforderungen zu speziell waren. Ich habe aber auch Framework-Projekte scheitern sehen, weil das Budget leer war, bevor das Login-Formular fertig war.
Heute klären wir die Entscheidung CMS oder Framework ein für alle mal – nicht mit Eitelkeit, sondern mit wirtschaftlichem Verstand.
Die Analogie: Das Fertighaus vs. Der Werkzeugkasten
Um zu verstehen, wann du CMS oder Framework einsetzt, müssen wir zurück auf die Baustelle.
Ein CMS (wie WordPress oder Contao) ist ein Fertighaus. Du kaufst es, und die Wände stehen schon. Die Wasserleitungen sind verlegt, die Küche ist drin. Du musst nur noch streichen und Möbel reinstellen.
Vorteil: Du kannst morgen einziehen.
Nachteil: Wenn du den Pool auf dem Dach willst, sagt der Statiker: „Geht nicht.“
Ein Framework (wie Laravel oder Symfony) ist kein Haus. Es ist ein riesiger, professioneller Werkzeugkasten und ein Haufen erstklassiges Baumaterial. Hier gibt es keine fertigen Wände. Du musst jeden Stein selbst setzen. Du musst die Kabel selbst ziehen.
Vorteil: Du kannst den Pool auf das Dach bauen. Oder in den Keller. Oder das Haus auf den Kopf stellen. Du hast 100% Freiheit.
Nachteil: Es dauert Monate, bis du einziehen kannst. Und wenn es reinregnet, bist du schuld, nicht der Architekt.

Runde 1: Geschwindigkeit vs. Ballast
Bei der Wahl CMS oder Framework geht es oft um Ballast („Bloat“). Ein CMS muss jedem gefallen. Deshalb schleppt es Funktionen mit, die du nie brauchst. Emoji-Support im Header? Ist dabei. Kommentarfunktion, obwohl du keine Kommentare willst? Ist dabei. Das macht den Code schwerer und langsamer.
Ein Framework ist eine Präzisionswaffe. Du installierst nur das, was du brauchst. Du willst eine Datenbank-Abfrage? Du schreibst sie. Sie ist schlank, schnell und macht exakt das, was sie soll. Keine unnötigen Datenbank-Joins, kein Overhead.
Der Preis dafür: Du fängst bei Null an. Ein CMS schenkt dir Benutzerverwaltung, Passwort-Reset, Medienverwaltung und Text-Editor. Bei einem Framework musst du das alles erst bauen (oder Pakete dafür konfigurieren).
Runde 2: Die Kostenfalle (Das Ego der Entwickler)
Hier müssen wir ehrlich sein. Viele Entwickler entscheiden sich bei der Frage CMS oder Framework für das Framework, weil es mehr Spaß macht. Es fühlt sich toll an, Architekt zu sein. Es ist befriedigend, eleganten Code in Laravel zu schreiben, statt sich durch den „Spaghetti-Code“ eines alten WordPress-Themes zu wühlen.
Aber bezahlt dein Kunde für deinen Spaß? Wenn du für einen Bäcker eine Website baust und dafür ein Framework wie Symfony nutzt, verbrennst du Geld. Du baust Funktionen nach, die es kostenlos gibt. Ein Framework lohnt sich wirtschaftlich erst, wenn die Anpassungskosten eines CMS höher wären als die Entwicklungskosten im Framework.

Die Entscheidungshilfe: Wann nehme ich was?
Vergiss das Bauchgefühl. Hier ist deine Checkliste für CMS oder Framework:
Nimm ein CMS (WordPress, Contao), wenn:
Der Fokus auf Content liegt (Texte, Bilder, Blogartikel).
Das Budget begrenzt ist (unter 5.000 - 10.000 €).
Der Kunde die Inhalte selbstständig und einfach pflegen muss.
Standard-Funktionen gefragt sind (Kontaktformular, simpler Shop, Event-Kalender).
SEO "out of the box" funktionieren soll.
Nimm ein Framework (Laravel, Symfony, Django), wenn:
Du eine Web-Applikation baust (SaaS, Portal, Buchungssystem).
Die Datenlogik extrem komplex ist (z.B. komplexe Berechnungen, Verknüpfungen, APIs).
Performance und Skalierbarkeit über alles gehen.
Das Frontend völlig losgelöst vom Backend sein soll (z.B. eine React-App).
Du ein langfristiges Produkt baust, das über Jahre wachsen soll.
Baue keine Hundehütte mit dem Kran
Die Antwort auf CMS oder Framework lautet: Nutze das richtige Werkzeug für die richtige Größe. Wenn du eine Hundehütte baust (kleine Website), brauchst du keinen Baukran (Framework). Hammer und Nägel (CMS) reichen. Aber wenn du einen Wolkenkratzer baust (komplexe Web-Plattform), wirst du mit Hammer und Nägeln nicht weit kommen – da brauchst du den Stahlträger eines Frameworks.
Entscheide nicht danach, was du lieber programmieren möchtest. Entscheide danach, was das Projekt braucht, um in zwei Jahren noch stabil zu stehen.
Teil der Serie
Entscheidungen & Vergleiche
Webtechnologie Auswahl – Der ultimative Guide Pillar
WordPress vs. Contao – ehrlicher Vergleich aus Entwickler-Sicht
CMS oder Framework: Der Kampf zwischen Bequemlichkeit und Freiheit
Page Builder vs Custom Development – Malen nach Zahlen oder echtes Handwerk?
Static Site Generator vs CMS – Wenn Sicherheit und Speed das Wichtigste sind
Headless CMS: Sinnvoll oder nur ein teurer Trend?
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Wie geht es weiter?
Jetzt haben wir das Fundament geklärt: Fertighaus (CMS) oder Eigenbau (Framework). Aber egal wofür du dich entscheidest – irgendwann geht es an die Inneneinrichtung. Wie kommt das Design auf den Bildschirm? Klickst du es zusammen oder schreibst du den Code von Hand?
Hier wartet der nächste große Streit: Effizienz gegen Qualität.
Im nächsten Teil: Page Builder vs. Custom Development – Malen nach Zahlen oder echtes Handwerk?

Dietrich Bojko
Senior Webentwickler
Webinteger arbeitet seit vielen Jahren produktiv mit Linux-basierten Entwicklungsumgebungen unter Windows.
Der Fokus liegt auf performanten Setups mit WSL 2, Docker, PHP, Node.js und modernen Build-Tools in realen Projekten – nicht auf theoretischen Beispielkonfigurationen.
Die Artikel dieser Serie entstehen direkt aus dem täglichen Einsatz in Kunden- und Eigenprojekten und dokumentieren bewusst auch typische Fehler, Engpässe und bewährte Workarounds.


