
Headless CMS: Sinnvoll oder nur ein teurer Trend?

Headless CMS: Die Revolution, die keiner versteht?
In der Webentwicklung gibt es alle paar Jahre eine neue Sau, die durchs Dorf getrieben wird. Aktuell steht auf dieser Sau in großen Neonbuchstaben: Headless CMS.
Agenturen verkaufen es als den heiligen Gral. Entwickler lieben es, weil sie mit den neuesten JavaScript-Frameworks spielen dürfen. Und Kunden? Die nicken oft nur, weil sie nicht als „altmodisch“ gelten wollen. Aber was steckt wirklich dahinter?
Ist ein Headless CMS die notwendige Evolution des Internets oder verbrennen wir hier gerade Budget für Probleme, die wir gar nicht haben? Heute machen wir den Realitätscheck. Ohne Bullshit-Bingo, dafür mit einer Analogie, die schmeckt.
Die Analogie: Das Restaurant vs. Die Ghost Kitchen
Um das Prinzip Headless CMS zu verstehen, müssen wir essen gehen.
Ein Klassisches CMS (wie WordPress oder Contao) ist ein traditionelles Restaurant. Küche (Backend/Daten) und Gastraum (Frontend/Ausgabe) sind unter einem Dach vereint. Du gehst rein, setzt dich hin, und das Essen wird direkt dort serviert. Das ist gemütlich, einfach und funktioniert seit Jahrzehnten.
Das Problem: Wenn du das Essen plötzlich auch im Park, im Auto oder auf dem Mond servieren willst, hast du ein Problem. Das Restaurant ist immobil.
Ein Headless CMS ist eine moderne Ghost Kitchen (Lieferküche). Hier gibt es keinen Gastraum. Es gibt nur eine hocheffiziente Küche, die Daten (Essen) produziert. Diese Küche ist es völlig egal, wo gegessen wird. Die Kellner (wir nennen sie APIs) rasen los und bringen die Inhalte überall hin:
Auf deine Website (Laptop).
In deine Native App (Smartphone).
Auf die Smartwatch.
Auf den Infoscreen im Flughafen.
Das ist die Macht von Headless CMS: Create Once, Publish Everywhere.

Die Vorteile: Warum alle "kopflos" werden wollen
Warum entscheiden sich Unternehmen für ein Headless CMS wie Storyblok, Contentful oder Strapi?
Totale Freiheit im Frontend: Deine Entwickler sind nicht mehr an die veraltete Template-Engine von WordPress gebunden. Sie können bauen, was sie wollen – mit React, Vue, Svelte oder was auch immer morgen Trend ist. Die Website wird zur echten App.
Omni-Channel Marketing: Du pflegst den Produkttext einmal im Headless CMS. Er landet automatisch im Shop, in der App und im Voice-Assistant. Kein Copy-Paste-Fehler mehr.
Sicherheit & Performance: Da Frontend und Backend physikalisch getrennt sind, kann ein Hacker, der die Website angreift, nicht direkt auf die Datenbank zugreifen. Zudem können statische Generatoren (wie im vorherigen Artikel besprochen) die Inhalte extrem schnell ausliefern.
Die Schattenseite: Der Preis der Freiheit
Klingt zu gut, um wahr zu sein? Ist es auch. Denn ein Headless CMS bringt Probleme mit sich, über die im Verkaufsgespräch gerne geschwiegen wird.
Wer „Headless“ geht, verliert den „Kopf“ – und damit oft die Vorschau. Bei einem klassischen CMS klickst du auf „Vorschau“ und siehst die Seite. Bei einem Headless CMS musst du diese Vorschau-Funktion erst aufwendig programmieren.
Das größte Problem ist jedoch die Komplexität. Im klassischen Restaurant sind Teller und Besteck da. In der Ghost Kitchen (Headless) bekommst du nur das Essen in die Hand gedrückt. Du musst dich selbst um Teller (Hosting), Besteck (Routing), Tischdeko (SEO-Tags) und die Speisekarte (Sitemaps) kümmern. Für Entwickler bedeutet Headless CMS oft: Wir müssen Basisfunktionen, die WordPress seit 2003 "out of the box" kann, mühsam nachbauen.

Entscheidungshilfe: Brauchst du das wirklich?
Lass uns Tacheles reden. Wann ist der Wechsel auf ein Headless CMS ein genialer Schachzug und wann ein finanzielles Grab?
Ja, geh Headless, wenn:
Du Inhalte auf mehreren Kanälen gleichzeitig ausspielst (Web, App, IoT, POS-Systeme).
Du eine hochkomplexe Web-Applikation baust, die sich wie eine native App anfühlen muss.
Du mehrere verschiedene Webseiten (z.B. Ländershops) aus einer einzigen Datenquelle speisen willst.
Du ein großes Entwickler-Team hast, das JavaScript im Schlaf beherrscht.
Nein, bleib beim Monolithen (Klassisch), wenn:
Du eine normale Firmenwebsite oder einen Blog baust.
Dein Marketing-Team stark auf eine visuelle „Drag & Drop“-Oberfläche angewiesen ist.
Das Budget eng ist. Ein Headless CMS Projekt kostet initial oft 30-50% mehr als ein klassisches Projekt.
Du dich nicht um komplexe Infrastruktur (API-Management, Frontend-Hosting) kümmern willst.
Kanonen auf Spatzen?
Ein Headless CMS ist wie ein Formel-1-Wagen. In den Händen von Profis auf der richtigen Rennstrecke (Multichannel-Projekte) ist es unschlagbar. Aber wenn du damit nur Brötchen holen willst (einfache Website), wirst du im Stau stehen, der Motor überhitzt und du wünschst dir deinen alten Golf (WordPress) zurück.
Technologie ist kein Selbstzweck. Wähle Headless CMS nicht, weil es cool ist. Wähle es, weil du die Architektur wirklich brauchst.
Teil der Serie
Entscheidungen & Vergleiche
Webtechnologie Auswahl – Der ultimative Guide Pillar
WordPress vs. Contao – ehrlicher Vergleich aus Entwickler-Sicht
CMS oder Framework: Der Kampf zwischen Bequemlichkeit und Freiheit
Page Builder vs Custom Development – Malen nach Zahlen oder echtes Handwerk?
Static Site Generator vs CMS – Wenn Sicherheit und Speed das Wichtigste sind
Headless CMS: Sinnvoll oder nur ein teurer Trend?
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Abschluss der Serie: Du hast die Wahl
Wir sind am Ende unserer Reise durch den Technologie-Dschungel. Wir haben Fertighäuser (CMS) mit Architektenvillen (Frameworks) verglichen. Wir haben uns auf dem Jahrmarkt (WordPress) umgesehen und jetzt in der Ghost Kitchen (Headless) gegessen.
Was hast du gelernt? Es gibt keine „beste“ Lösung. Es gibt nur die Lösung, die zu deinem Budget, deinem Team und deinen Zielen passt.
Wenn du dir immer noch unsicher bist:
Schreib deine Anforderungen auf (ohne Tech-Begriffe).
Lies die Artikel dieser Serie nochmal mit diesem Zettel in der Hand.
Oder frag jemanden, der beide Welten kennt – und dir nicht nur das verkaufen will, was er zufällig im Lager hat.
Viel Erfolg bei deiner Entscheidung!

Dietrich Bojko
Senior Webentwickler
Webinteger arbeitet seit vielen Jahren produktiv mit Linux-basierten Entwicklungsumgebungen unter Windows.
Der Fokus liegt auf performanten Setups mit WSL 2, Docker, PHP, Node.js und modernen Build-Tools in realen Projekten – nicht auf theoretischen Beispielkonfigurationen.
Die Artikel dieser Serie entstehen direkt aus dem täglichen Einsatz in Kunden- und Eigenprojekten und dokumentieren bewusst auch typische Fehler, Engpässe und bewährte Workarounds.


